tobianer Wir selbst sind anders als woher wir kommen?

21Jun/101

Gesicht von dir (Mario Benedetti)

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Gesicht von Dir

Ich habe eine Versammlung

von Einsamkeit in mir,

so voller Sehnsüchte

und voller Gesichter von Dir

von Abschieden von vor langer Zeit

und Willkommensküssen

von ersten Anzeichen der Veränderung

und vom letzten Zugwagon.

Ich habe eine Versammlung

von Einsamkeit in mir,

dass ich sie anordnen kann

wie in einer Prozession

sortiert

nach Farben

Größe

und Versprechen

nach Zeitabschnitten

Taktschlag

und Geschmack.

Ohne überflüssiges Zittern

umarme ich deine Abwesenheiten

die an allem Anteil haben

und mir dabei assistieren,

bei meinem Gesicht von dir.

Ich bin voll von Schatten

von Nächten und Wünschen

voller Lachen

und irgendeinem Fluch.

Meine Gäste versammeln sich

sie drängen zusammen

wie Träume

mit ihrem neuen Groll

ihrem Mangel an Unschuld

ich klemme einen  Besenstiel

hinter die Tür

weil ich allein sein will

mit meinem Gesicht von dir.

Aber das Gesicht von dir

sieht woanders hin

mit seinen Augen der Liebe

die nicht mehr lieben

wie Nahrungsmittel

die ihren Hunger suchen

schauen sie und schauen

und beenden mein Tagewerk.

Die Wände verschwinden

bleibt die Nacht

die Sehnsüchte verklingen

nichts bleibt.

Bald schon schließt

mein Gesicht von dir

die Augen

und es ist eine

so verzweifelte Einsamkeit.

(Mario Benedetti;  Gedicht im Original:  „Rostro de vos“)

Rostro de vos

Tengo una soledad
tan concurrida
tan llena de nostalgias
y de rostros de vos
de adioses hace tiempo
y besos bienvenidos
de primeras de cambio
y de último vagón.

Tengo una soledad
tan concurrida
que puedo organizarla
como una procesión
por colores
tamaños
y promesas
por época
por tacto
y por sabor.

Sin temblor de más
me abrazo a tus ausencias
que asisten y me asisten
con mi rostro de vos.

Estoy lleno de sombras
de noches y deseos
de risas y de alguna
maldición.

Mis huéspedes concurren
concurren como sueños
con sus rencores nuevos
su falta de candor
yo les pongo una escoba
tras la puerta
porque quiero estar solo
con mi rostro de vos.

Pero el rostro de vos
mira a otra parte
con sus ojos de amor
que ya no aman
como víveres
que buscan su hambre
miran y miran
y apagan mi jornada.

Las paredes se van
queda la noche
las nostalgias se van
no queda nada.

Ya mi rostro de vos
cierra los ojos
y es una soledad
tan desolada.

(Mario Benedetti)

7Nov/090

“Real de 14″ – oder wie man in der Luft einen Fisch faengt

Der Heilige Berg der Huicholes "El Quemado"

Ausblick vom heiligen Berg der Huicholes "El Quemado"

Es ist nicht gerade leicht dort hoch zukommen, aber auch nicht besonders schwierig.
Alles begann auf einem Kunstmarkt "mercado de artesanía" in Mexico City. Dort waren wir, ein Spanier, ein Ungar
und ich, einem Huichol-Haendler in seinem Geschaeft begegnet. Er hatte dort ein paar ganz besonders
schoene Exemplare von Huichol-Kunst ausgestellt. Viele bunte Farben, Tiermuster, Gesichter, geometrische Figuren - die  Huichol-Kunst ist in ganz Mexiko und vielleicht auch darueber hinaus vor allem wegen der auffallenden vielen bunten Farben bekannt. Ein Besuch auf einem kunstmarkt ist in Mexiko immert etwas wunderschoenes, etwas einzigartiges, aber ploetzlich war alles noch einmal ganz anders.
Rein aeusserlich war an dem Verkaeufer fuer hiesige Verhaeltnisse nichts
besonderes, er trug seine traditionelle Huichol-Kleidung, eine weisse Hose und ein weisses Hemd mit sehr weitem
Kragen und bunten Stickereien und einen bunten Guertel, der wie ein Tuch um seinen Bauch gewickelt war.
ich fand er sah ein bisschen aus wie Helge Schneider, denn er hatte den gleichen Schnauzer und laengere
gewaellte Haare. Er vermied es einem in die Augen zu schauen und kruemmte sich und verbog sich staendig
ein paar Worte stammelte. Irgendwie schien er ein voellig harmloser, ganz gewoehnlicher Verkaeufer zu sein
und doch war da etwas in diesem Laden was uns faszinierte und das waren nicht nur die Armbaender, Figuren und
Tableauts die  hier zum verkauf dargeboten wurden. Vielleicht war es das scheinbar schuechterne, verlorene in seinem Blick,
wenn sich die Blicke einmal kreuzten. Vielleicht war es dieses ganz besondere Funkeln in seinen Augen, so dass man eigentlich
froh war wenn er einen nicht langher ansah.
Mexiko ist voll von alten Legenden und Geschichten ueber Schamenen und Zauberer. Es heisst man wuerde sie am funkeln in Ihren Augen erkennen. Oder auch nicht, denn sie sind, wie heisst gleichzeitig auch die besten Tarner und Taescher der Welt. Es koennte also durchaus sein,
dass man sich hier in Mexiko von einem der vielen "Boleros" (Schuhputzer) mitten auf der Strasse fuer 15 Pesos die Schuhe putzen laesst ohne zu merken dass es einer der groessten Zauberer aller Zeiten ist. Man ist also immer gut beraten reichlich Trinkgeld zu geben, sonst koennte es sein, dass einem aus allen Zehen nur kurze Zeit spaeter blaue Agavenblueten wachsen, was noch eine der angenehmeren Unannehmlichkeiten waere die einem passieren koennen.
Wir waren also in diesem Laden und uns ging es wie wir spaeter feststellten allen dreien genau gleich, wir waren irgendwie verzaubert, fasziniert und verunsichert zugleich. Nicht dass wir etwas befuerchtet haetten, aber je laenger wir dort in diesem nicht mehr als 14 qm grossen Raum waren, umso tiefer tauchten wir in etwas ein, was man als Traum oder als "surreale" oder auch nicht alltaegliche Wirklichkeit bezeichnen koennte. Wir versuchten einmal zu gehen, und kehrten wieder um, schauten wieder die in geometyrischen Mustern mit winzig kleinen bunten Plastikperlen uebersaehten  Tierfiguren, Bilder und Masken an. Das ganze ging drei Mal so. Irgendetwas war da, dass wir nicht mehr gehen wollten, oder nach 50 Schritten weg von dem Laden wieder kehr machten.
Erst wenn man alle Kritik, alle Aengste und Vorurteile fallen laesst kann man in einer Begegnung wie dieser einen Sinn erkennen. Fuer uns drei war es, so besprachen wir im Nachhinein, eine sehr ausergewoehnliche Begegnungen. Wir waren uns einig, dass wir uns alle drei wie in einem Traum fuehlten. Und doch hatte es fuer jeden von uns einen ganz individuellen noch tieferen Sinn. Ich hatte den Verkaufer nach dem heiligen Berg der Huichol-Indianer in der Naehe des Dorfes Real de 14 gefragt und was ich dort als Ausdruck des Respekts, der Liebe und der Dankbarkeit dort mithin nehmen koennte. Er hat nur genickt und mir sofort von einem Stapel kleiner Holztaefelchen, eines davon, ca. 10 x 10 cm gross gezeigt. Ich beschloss dorthin zu fahren, acht Stunden von DF enfernt, und so kaufte ich die kleine bunte Holztafel.
Der Spanier, der mit dem Huichol am meisten geredet hatte, war zutiefst beruert von dessen Wesen, von aussen sah es aus, als waere er einem alten Freund begegnet. Er meinte nachher er haette so etwas verruecktes noch nie getan, dass er einen Fremden gefragt haette woran das liege, dass er hier etwas fuehle was anders waere als da draussen, dass er es ihm verzeihen moege aber woran das liegen koenne dass hier alles so anders waere. Und ja, er hat geantwortet der Huichol, aber das kann man hier nicht in Worten wiedergeben, aber man kann es vielleicht fuehlen, wenn man einmal kurz ganz still ist und innerlich die Augen schliesst.
Der Ungar hatte Traenen in seinen Augen als wir dann doch endlich um die Ecke gebogen waren und am Einganng zum "mercado de artesania" kurz halt machten. Wir drei sahen uns an und der ungar meinte in seinem sehr beschraenkten Spanischwortschatz nur "el infinito",
was auf Deutsch Unendlichkeit heisst.
12Jun/080

Der Plumpseffekt

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Es war einmal in einer anderen Zeit ein König, der lebte in einem fernen Land, namens Prälumbrien.
In Prälumbrien, das direkt am Meer lag, war alles gut. Es war immer Sommer und die Orangenbäume blühten das ganze Jahr und trugen gleichzeitig auch immer Früchte. Schafe und Ziegen liefen grasten friedlich auf den saftigen Wiesen.
Alles war hier gut, ausser dass es nichts zu tun gab. Alle Menschen waren glücklich, es gab weder vergangenheit noch Zukunft.
Manchmal war den Bewohnern von Prälumbrien vielleicht ein bisschen langweilig, denn in dem gesamten großen weiten Land veränderte sich nichts. Alles war immer da. Man erinnerte sich kaum noch, vielleicht war es auch unangenehm darüber nachzudenken, aber die Alten des Dorfes erzählten manchmal, wenn der Tag sich neigte und die Sonne gerade dabei war im Meer unterzutauchen, von einem Helden der gekommen war. Dieser Held hatte den Tod besiegt. Man wusste nicht genau was der Tod war, aber man munkelte, dass er einen verschwinden liess und dass dafür plötzlich etwas neues käme so wie der Sonnenaufgang jeden Tag anders war. Und doch blieb in Prälumbrien alles immer gleich. Alles war da. Es fehlte ihnen an nichts. Alle hatten ihre Arbeit, es gab Bauern und Handwerker, Bäcker und Fischer. Jeder half dem anderen. Jeder hatte immer genug zu essen. Die Natur schenkte den Menschen Ihre unendlichen Schätzen, dass immer alles da war.
Der König hatte eine wunderschöne Prinzessin, die eines Tages dieses Königreich des Friedens regieren sollte. Viel zu regieren gab es jedoch nicht, da alles gut war, so wie es war. Jeder Tag war gleich. Keiner wurde älter, oder gar krank. Da man den Tod nicht kannte, gab es keine Kirche. Die Menschen kannten auch keine Angst. Es gab keine Richter. Niemand zahlte steuern. Die Prinzessin bekam den schönsten Schmuck von den Handwerkern gefertigt. Alle freuten sich so über die Schönheit der Prinzessin und über die Güte des Königs, dass sie jeden Tag Geschenke brachten.
Doch den König plagte manchmal eine Sorge, er wollte die Geschichte Prälumbriens niederschreiben lassen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten würde. So beauftragte er einen königlichen Hofschreiber. Man hatte eine riesige Schriftrolle mit goldenen Ornamenten an beiden Enden gefertigt. Alles war vorbereitet. Der Hofschreiber hatte die einen Meter lange Fasanenfeder in schwarze Tinte getaucht und war bereit zu beginnen. Der König holte tief Luft und hob die Brust. Doch plötzlich, er wollte gerade beginnen mit der feierlichen Einleitung "Wir schreiben das Jahr..." fiel ihm auf, dass er die Jahreszahl vergessen hatte. Niemand wusste mehr in welchem Jahr sich Prälumbrien gerade befand. Auch die alten waren ratlos. Sie kannten sehr wohl noch den Begriff Zeit, aber sie wussten nicht was er bedeutete.
Der König war verzweifelt, wie sollte er die Geschichte Prälumbriens aufschreiben, wenn er weder wusste in welchem Jahr sie sich befanden, noch was Zeit eigentlich bedeutete. Es gab einen Aufruf im gesamten reich. Wer konnte isch noch an das wort Zeit erinnern und was hätte es seiner meinung nach früher einmal für bedeutung gehabt. Und früher, wann war das überhaupt? Die Menschen standen Schlange vor den toren des Schlosses ein jeder wurde befragt, doch bislang ohne Ergebnis. Beinahe schien es so wie wenn zum ersten mal in Prälumbrien etwas wirklich schreckliches geschehen würde, aber das Wort Schrecken hatte man auch längst vergessen.
Fast das ganze Land war bereits befragt worden, als man sich plötzlich an einen alten, etwas seltsamen Einsiedler am Fuße eines Berges erinnerte. Sie nannten ihn den Erdbeermann, da er nicht an den Tauschgeschäften und auch an keinen geellschaftlichen Anlässen wie den königlichen Sommertänzen teilnahm und sich immer nur von Erdbeeren und Wasser aus einer Bergquelle ernährte.
Der König sandte einen Botschafter nach ihm aus, mit der bitte an seinen Hof zu kommen, es wäre dringend. Als der Botschafter an das Haus des Alten kam, sass dieser draussen unter einem Wacholderbaum auf einer Bank und starrte in eine Schüssel Wasser die in seinem Schoß ruhte. "Der König braucht dringend Ihre Hilfe werter herr, sagte der botschafter. Der Alte hob langsam seinen Kopf, starrte den Botschafter mit einem Blitzen in den Augen an, dass dieser einen Schritt nach hinten machte. "Was ist denn so dringend, als dass es nicht Zeit hätte?", fragte der Alte. "Das genau ist eben mein Herr, der König schickt mich, dass Sie ihm die Zeit erklären."
Der alte Mann starrte ruhig über die hügeligen Wiesen hinweg auf den Horizont. Eine Amsel machte laut auf sich aufmerksam, was den Alten wie aus einem Schlaf zu wecken schien: "Die Zeit erklären" wiederholte er monoton.
Dann stand er auf, holte einen schwarzen Mantel aus dem Haus, nahm die kürbisgroße Schale mit dem Wasser und gab sie dem Botschafter. "Hier, nimm und wehe uns allen es geht auch nur ein Tropfen verloren"
Sie machten sich auf den Weg.

[FORTSETZUNG FOLGT]

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