Ich moechte in einer Realitaet erwachen wo ich…
Es war beinahe ein historischer Augenblick. Ich und meine Fuesse in einem Paralleluniversum, das viele Geschichten erzaehlt. Guten Morgen!
130-Pesos-Naechte
Chihuahua-City: Dieses Foto ist von heute und zeigt das Hotel, in dem ich zur Zeit naechtige. Man fuehlt sofort wenn man durch den Eingang geht und den alten "zaguán", Innenhof durchquert, dass dieses Hotel viele Geschichten hat. Eine davon wird nun diese hier sein.
Die erste Nacht fand ich ganz schlimm, "muy feo", scheusslich. Das Laken war so durchgewetzt, dass es eigentlich gar nicht mehr vorhanden war. Aber mit erfinderischen Verschoenerungsmassnahmen sowie Schlafsack usw. kein wirkliches Problem, wenn man nicht der Versuchung der "Alleskritisiergewohnheit" eines mitteleuropaeischen Riester-
rentenzahlers erliegt.
Mittleweile finde ich das Hotel eines der besten auf meiner bisherigen Reise! Die 130-Peso-Naechte - nein nicht pro Stunde - sind bisher die billigste Uebarnachtungssgelegenheit, die ich hatte. Man muss 10 Pesos Pfand fuer ein an den Raendern voellig zerfetztes Handtuch hinterlegen. Aber ob Handtuch oder Zimmer - alles ist sauber, wird jeden Tag von Zimmerdamen bearbeitet. Und dass der Putz von der Decke kommt ist nicht weiter schlimm.
Das Bad ist sauber und es gibt warmes Wasser. Aus den Zimmern ringsum hoert man, laut den Fernseher laufen, es gibt viele Musikprogramme mit nur mexikanischer Musik, man hoert Akkordeon, Blasinstrumente, Gesang, das ist sogenaannte "musica narteña."
Ich habe Zimmernummer 310, im 3. Stock. Blick von oben auf die Stadt. Nichts besonderes, ausser einem riesen braunen Bueffel als Dekoration auf dem Dach des Nachbarhauses, die aufschrift "botas" ist zu erkennen, also eines der hier zahlreichen Cowboystiefelgeschaeften. der Blick geht ueber einen Innenhof mit Schaeferhund hinweg auf einen Strassenabschnitt der Calle Libertad, wo man manchmal Prostituierte auf und abgehen sieht. Gestern brannte es kurz nebenan. Man sah ein Flammen und dicken schwarzen Rauch aufsteigen. Konnte aber anscheinend schnell geloescht werden.
Es gibt in "habitacion 310" keine Kakerlaken, keinen Fernseher, keine Kleiderbuegel, keinen Ventilator, keine Klimaanlage. Klimaanlage ist hier - zumidest um diese Jahreszeit auch nicht notwendig, abends kann es empfindlich kuehl werden, doch tagsueber ist es mit ca. 30 Grad noch immer ziemlich warm. In der Schreibtischschublade haben sich auf dem Holz, innen, Reisende bis zurueck in die 80er-Jahre verewigt. Darunter auch ein 19-Jaehriger Englaender, der angibt hier gearbeitet zu haben und in dem Zimmer seinen Geburtstag feierte was er mit "isn´t that weird?" abschliesst.
Das Hotel ist eines der aeltesten in Chihuahua. Nachts leuchten die Buchstaben aussen rot. Praktisch: Unten am Eingang befinden sich links eine Bar und rechts eine Cantina. Beides war frueher ein beliebter Treffpunkt fuer Prostituierte und deren Kundschaft, bis man eines Tages beschloss, dass die Nutten lieber eine Strasse weiter ziehen sollten, zur Calle Libertad als, in die La Zona Roja, wo es auch ein Hotel fuer Resende (!) gibt, das noch billiger ist, als meines. Eun echtes Schnaeppchen also.
Ich habe in der ersten Nacht die Bar links ausprobiert.
Am Ende kannte ich sehr viele neue Menschen. Alle sahen aus als wuerden sie oefters in Muenchen in die Muffathalle gehen, manche hatten ziemlich rote Augen, alle waren sehr ausgelassen und froh. Einer wollte ein Pommes von meinem 40-Pesos-Kotellet, 10 Minuten spaeter kannte ich fast alle. Alle waren sehr freundlich und wirklich sehr interessiert, was ich hier mache, wo ich bisher war... Ich wurde gesellig zu verschiedensten Drogen auf die Toilette eingeladen. Hab gesagt ich rauche nicht mehr und das andere waere auch nichts. Wer will schon "gallo con nieve" ausprobieren, wenn man auch so auf seiner Reise kaum fassen kann, was eigentlich passiert, weil daas Staunen keine Rast macht. Trotdem kam ich mir in dem Moment irgendwie alt vor...
Gestern ging ich dann auf Entdeckungsreise in die Cantina links. Der Unterschied ist eigentlich keiner. Viel getrunken wird in beiden Lokalen. Eine Cantina ist per se zum gemuetlichen "abdichten", was hier "de pedo" genannt wird und eigentlich Furz heisst. Ganz "tranquilo", in Ruhe, sein Bier trinken ist in Cantinas meist mit unertraeglich lauter Musik verbunden. auch wenn ein solches Lokal absolut nicht zum Tanzen gedacht ist. Zur Vollstaendigkeit sei hier kurz erklaert: Ein "antros" ist im Vergleich zur Cantina und Bar eine Lokalitaet in der getanzt wird, kann aber so gross und ausgefallen sein, dass es in Muenchen ein Club waere - einer der besten der Stadt uebrigens...
In ganz Chihuahua auffallend wenig Schnauzbaerte, viel weniger als auf meiner bisherigen Reise. Eine kleine Anekdote hierzu, weil sie mir bereits zweimal erzaehlt wurde ist: Der Schnauzer der sogenannten "rancheros" (werden wegen ihrer Cowboybekleidung und ihrem laendlichen Ursprung von staedtischen Nichtbarttraegern manchmal abfaellig "pinchi cheros" genannt) dient seinem Traeger zur sexuellen Stimulation der Frauen. Ja - so selbstlos und Frauenfreundlich ist der "machismo mexicano"
Resultat des gestrigen Ausfluges vom 3. Stock nach unten 20 Schritte in den Patio war, dass ich heute verkatert war, was in ganz Mexico als "estar crudo", also roh sein, oder als "la cruda" bezeichnet wird. Immerhin habe ich ein paar sehr interessante Gespraeche ueber Frauen, Ehemaenner, wieder ueber Frauen, ueber die boese USA, wieder ueber Frauen, dann ueber ein Lieblingsthema von allen, wenn sie einen Deutschen treffen - Hitler, dann - sehr philosophisch ueber die Gefahr der Laster gefuehrt.
Die Kundschaft der Cantina war deutlich aelter. In den traditionellen Cantinas war und ist z.T. noch heute keine weibliche Kundschaft anzutreffen, ausser Prostituierte. Dies hier war eine moderne, in einer 1-Millionen-Stadt, mit sehr sympatischem, bunt gemischtem, teilweise sicherlich auch leicht gefaehrlichem Publikum. Bis auf einige sehr spezielle Erscheinungen, die das spezielle Flair ausmachen, sind meisten von einer weltoffenen Grossstadt in Europa kaum zu unterscheidet.
Man wollte mich mehrfach mitnehmen, im Auto zur naechsten Party. Ein heikler Moment. Weil bei aller Liebe und einem guten freundshaftlichen Austausch doch Vorsicht geboten ist. Kein Mexikaner wuerde einem Reisenden empfehlen bei fremden Leuten sofort im Auto mitzufahren. So ist das eben. Man fuehlt teilweise, dass es in Ordnung waere, vor allem weil, im Vergleich zu anderen Staedten, hier jeder den Frieden von Chihahua ruehmt. Und wenn man sich taeuscht? Hab mich dann von zwei extrem dicken Mexikanerinnen, einem homosexuellen Nachtschwaermer und einem Erdnussverkaeufer, der spezielle kandierte Nuesse, wie rote Kugeln, "para la cruda" - fuer den Kater - anbot, verabschiedet und bin wieder hoch auf Zimmer 310.