tobianer Wir selbst sind anders als woher wir kommen?

4Jan/071

Abschied

dsc06487.JPG
Valle de Santiago
STUFEN

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
in ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein
und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen-
der Weltgeist will nicht fesseln und nicht engen,
er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen.
Und wer bereit zum Aufbruch ist und zur Reise,
mag gähnender Entwöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.

Wohlan, denn, Herz
nimm Abschied und gesunde.

Hermann Hesse
Quelle:
"Das Lied des Lebens"
Die schönsten Gedichte von Hermann Hesse
Suhrkamp Verlag 1986

Kommentare (1) Trackbacks (0)
  1. Wow, die Seite ist schon ein Gedicht, aber ” die Stufen” hier zu finden..


Kommentar schreiben


Noch keine Trackbacks.