tobianer Wir selbst sind anders als woher wir kommen?

11Dez/060

Der springende “Z-Punkt”

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Es gibt einen fernen Ort am Rande des Universums, wo der warme, weiche Sand sanft in das Meer uebergeht, und auch wenn der Boden manchmal bebt von der eberschaeumende Urgewalt des Meeres, so glaubt man doch zu fuehlen, dass genau hier der unbezaehmbare Geist des Pazifik in den liebevoll empfangenden, besaenftigenden Schoss von Mutter Erde aufgenommen wird.
Dieser Ort, von dem hier die Rede sein soll und der den Namen "Z" haben soll, ist nur schwer mit Worten zu umschreiben, da er in einem jedem auf ganz unterschiedliche Weise sein Innerstes, sein Herz, seine Seele beruehrt. Hier zu verweilen kann beruhigen, oder entfesseln. In jedem Fall kommt ein jeder mit seinen tiefsten Sehnsuechten und seinem Sinn fuer Freiheit in Beruerung. "Z" ist ein Ort fuer alle und doch erkennen ihn die wenigsten, weil sie nach den falschen Zeichen suchen, oder weil sie die Zeichen voreilig falsch interpretieren.

Hier in "Z" befinden sich fuer jeden Reisenden aus jedem Blickwinkel Himmel und Erde in Augenhoehe. Tagsueber oben Hell- unten Dunkelblau und bei sonnenuntergang miteinander verschmelzendes Feuer im Wasser. Der ultimative Querstrich in der Lanschaft, die Linie am Horizont, die man stundenlang betrachten kann, ist wie eine Ewigkeit die Vergeht und doch nur ein kurzer Augenblick, wie in dem Moment, den jeder kennt, wenn man den Fernseher ausschaltet und es ploetzlich still wird. In diesem Zustand des ploetzlichen Abschaltens verkuerzt sich der Strich am Bildschirm zu einem Punkt in der Mitte - dann ist es dunkel, der Bildschirm spiegelt nur noch sein Gegenueber.

Fernsehen ist der abendliche Ersatz fuer das nicht gelebte Leben. Aber hier in "Z" ist alles echt, es gibt keine Bildschirme, man muss sie suchen um ihnen zu begegnen, wie anderswo eine exotische Frucht aus dem Paradies. Hier gibt es nicht nur alle Fruechte von Papaya bis Kokosnuss sondern ein noch viel wertvolleres Geschenk der Natur, naemlich das aufgesaugt werden von allem was ist, unvergessliche momente des Einssein mit der Natur. Einfach gerade aus blicken, endlich den am Boden des Alltags festgeklebten Blick loesen und einmal aufsehen, den Kopf gehoben, den Koerper gestreckt, sich selbst fuehlen, den Hoerizont betrachten und sich vom Meer einrollen lassen. Der Mexikaner hat fuer das "Sein am Meer" den passenden Ausdruck in seinem Wortschatz: "El mar arulla", das Meer rollt einen ein.

Die Brandung ist ueberall zu hoeren, bei Tag und bei Nacht, bis in den hintersten Winkel der letzen Huette des Dorfes. Das Meer ist dein treuester Begleiter, bester Freund und erlichster Ratgeber. Es antwortet nur wenn du gefragt hast, wenn du bereit bist zu hoeren. Die weisse Schaumkrone verkuendet dir vom Paradies auf Erden, wenn Du es zulassen kannst. Da ist wieder eine besonders hohe, besonders maechtige Welle und ploetzlich weiss man, um die Verbundenheit mit allen Freunden aus dem Herzen zu Hause.
Ob auch sie die welle fuehlen?

Moege das Meeresrauschen alle, in weiter Ferne, die der stille und noch zuzuhoeren vermoegen, in ihren Traeumen besuchen und "einrollen", damit sie sich ihrer Traeume bewusst werden und sich trauen aufzuwachen. In einer anderen Realitaet einen neuen Tag beginnen, aufstehen und einmal etwas anderes tun als immer das gleiche, im bewusstsein, dass wir alle einmal tod sein werden. Was gibt es also noch zu verlieren? Manche sterben, ohne es zu merken und werden zu Gespenstern. Manche sind am Leben ohne es zu merken und... Das und noch viel mehr erzaehlen einem die Wellen, das Wasser ist tief und weise.

Was sagt das Meer mir noch an diesem Morgen? Das unendliche Rauschen, die Brandung der beigefarbene Sand, all das wird immer da sein, solange Mutter Erde atmet, solange der Planet ueber den wir Menschen wie ein Virus herfallen, so bereitwillig und scheinbar endlos geduldig uns mit Liebe und Energie naehrt und gleichzeitig all unseren Abfall, sowie auch unsere Schuld und Last, geduldig aufnimmt. Solange Gaya, Pacha Mama, Madrecita Tierra mit uns gnaedig ist und wir uns mitr ihr verbunden fiehlen, wird es das Meer und so Gott will auch ein Ufer geben. Die Wellen werden sich weiter wandeln und vermischen, kommen und gehen, Ebbe und Flut wird im Takt des Mondes in uns wirken auch wenn wir laengst wieder zu Hause sitzen und auf unsere Computerbildschirne starren. Wie gut dass man keine Gigas mit ins Nirvana nehmen kann. Wie gut, dass man Gefuehle der Glueckseeligkeit nicht auf der Festspeicherplatte aufbewahren kann sondern mit seinem Herzen mitnimmt.

Die meiste Zeit scheint hier alles ganz friedlich zu sein. Doch das Meer hat viele Seiten und spiegelt sich mit all seinen Erscheinungsformen in den Menschen wieder. Aeusserlich betrachtet sind hier alle gleich, es herrscht eine parteilose Badehosendemokratie. Alle wichtigen Taetigkeiten lassen sich in Badebekleidung ausfuehren. Ob Einsteiger, Umsteiger, Bergesteiger, Frauenbesteiger, Bergbauer, vergnuegungssuechtiger Hedonist, Geschaeftsmann, Forscher oder Sinnsucher, alle sind hier um mit moeglichst wenig Bekleidung, moeglichst tief einzutauchen. Es gibt wenig Mode durch die man sich hier hervorheben koennte. Im Gegenteil, auch alles ablegen ist erlaubt. Man schwitzt ohnehin ueberall, wenn man nicht ganz still sitzt und ein kuehles Corona, Dos Equis "XX", Modelo, Sol, oder Indio trinkt. Alles ist erlaubt. Nahezu nichts scheint verboten. Das war schon vor 36 Jahren so, als der Ort von Hippies entdeckt wurde und hat sich bis heute ins Zeitalter des weltweiten, postmodernen, Burn-Out-Kapitalismus erhalten. Echte Hippies habe ich bisher keine gesehen. Ist aber auch noch nicht die Saison. Diese beginnt, zum Glueck, erst ab 25.12. Aber in diesem Momant geht gerade ein kanadischer Jungbraunbaer vorueber...

"Z" ist ein Ort, dessen vollstaendiger Name in Nahuatl, einer der aeltesten indianersprachen Mexikos "Srand der Toten" heisst. Da die wenigsten Menschen in ihrem kurzen Leben den Weg hierher schaffen werden, weil sie auf das naechste Auto sparen, einen neuen Fernseher, oder weil si einfach glauben keine Zeit zu haben, soll dieser Ort der Freiheit, der Bikinis, Badeshorts und "good vibrations", hier "buena onda" genannt, einfach nur ein Buchstabe im alphabet sein. "Z", weil es der letzte Buchstabe im Alphabet ist und somit Ende und Anfang, Tod und Leben symbolisiert. Der "Playa de los Muertos", der "Strand der Toten", der einen unter den richtigen Umstaenden zu neuem Leben erweckt. "Z" ist somit der rRichtige Beginn fuer einen Namen der in seinem Inneren nichts ausser Sand, Meer und Kokosnuss verbirgt und eben das besagte etwas.

Doch auch hier muss man sich der Gefahren bewusst sein. Denn vor dem gestressten Gemuet macht auch der schnelle Tod des Egos nicht halt, denn wenn man voller "mierda" (=Scheisse) ist, kann man nur schwer einen Sonnenuntergang in sich hineinlassen. Die groessten Gefahren eines hier lebenden Geistes in seinem meist nach kurzer Zeit ziemlich gluecklichen Koerpers seien hier fuer den interessierten Nicht-Reisenden im folgenden, der Vollstaendigkeit halber, kurz aufgezaehlt:

- vorsaisonale Einsamkeitsanfaelle
- Spontanheilung bei Einnahme einer Kokosnuss
- Sonnenbrand wegen leichter Trunkenheit
- Sonnenbrand unverschuldet
- Ertrinken wegen Fehleischaetzung der gefaehrlichen Unterstroemung im Pazifik
  (alljaehrlich!)
- Chorillo (=Durchfall)
- Nach Einbruch der Dunkelheit seine Badeschlappen nicht mehr finden
- Nie mehr von hier fort wollen
- Den springenden "Z-Punkt" erkennen

Wer jetzt glaubt, dass ein ganz normaler Deutscher so dumm waere, hieraus den voreiligen Schluss zu ziehen, dass seiner Meinung nach nur Taugenichtse und Traeumer, sowie Spinner, Utopisten und Neohippies die Idee wagen, eine Lebensalternative im Unbekannten zu suchen, der liegt voellig richtig. Obwohl sich zu Hause, in unserem so schoenen Deutschland, scheinbar immer mehr im unmittelbaren Umkreis, nach einer Veraenderung sehnen, obwohl nahezu alle verzweilfelt nach einem Sinn, nach einem Inhalt, nach Licht in all der Leere suchen, so haben wir doch meist viel zu viel Angst uns einmal aus dem Fesnter zu lehnen. Obwohl wir dort doch wenigstens einmal, ein einziges mal in unserem Leben den Horizont unserer Seele sehen koennten. Vielleicht koennte so sogar jeder fuer sich seine eigene Wahrheit erkennen koennten. Wer bin ich?

Das haben sich seit Menschen Gedenken immer wieder die Geister gefragt. Und so gibt es hier in "Z" einen ganzen Haufen von Menschen, die hiergeblieben sind. Sie sind die Vorbilder, oder die Stoerenfriede unseres kollektiven Alltagstraumes. Die Gesichter der Hiergebliebenen erzaehlen viele bewegende Geschichten, von einem Leben mit Hoehen und Tiefen, von Erfolg und Glueckseeligkeit aber auch von Scheitern, von Verzweiflung bis hin zur Selbstzerstoerung. Also wie ueberall anderswo auch? Eine Besonderheit zeichnet die Desperados unseres 20. Jahrhunderts aus. Sie alle haben den Mut gehabt an ihren eigenen Traum zu glauben und etwas anderes zu tun als die meisten. Und das sieht man hinter all den Lebensspuren in ihren Augen funkeln, mit einem gewissen Stolz.

Die Geschichte lautet bei allen aehnlich. Letztendlich war es wahrscheinlich das Schicksal, das sie hier bleiben lassen wollte. Egal ob vor 3 oder 30 Jahren. Einer wollte auf dem Weg in den Sueden ein paar Tage am Strand verbringen...und...so steht er heute immer noch hier - in seiner Badehose, mit eigenem Grundstueck, Cabañas die er an die Toursiten vermietet. Haeufig ist es eine ganze Familie die so im Unbekannten Fuss fasst. Allerdings wird dann haeufig wegen der Kinder und der Schulbildung, die ja wenn sie schon nicht so gut wie in Deutschland ist, wenigstens eine der besseren sein soll, in die Stadt umgezogen. Also weg vom "playa" in die Grosstadt, z.B. nach Oaxaca. Ob's da dann ein bisschen so wie in Muenchen ist, mit Altersvorsorge wegen der Kinder, Schwarzbrot und Marmelade zum Fruehstueck, alles so angenehm und gut wie in Deutschland nur eben anders?

Was ist richtig und was falsch? Wie lebt man richtig? Auch hier gibt es Sorgen, Aerger mit den Nachbarn, das Benzin ist billig dafuer hat man manchmal kein Suesswasser zum Duschen. Und dann Aerger mit den Handwerkern. Ein Dschungel von Hindernissen der einen vom Gluecklichsein abzuhalten scheint. Kommt einem das irgendwie bekannt vor? Und was macht man in seiner Freizeit? Lebenslaenglich Fischen und Schnorcheln, Wellenreiten und Nacktbaden? Vielleicht. Aber die Moeglichkeiten sind begrenzt. Kultur ist hier Natur. Das Leben wird hier eine Spur reduzierter. Kunst, Musik, Theater, Konzerte, Ausstellungen, Kino, ...auf all das muss man hier schon verzichten koennen.

Das Meer sagt einem auch dies. Bei allem was man tut sollte man dem Ruf seines Herzens folgen. Dann wird man auch auf alle Hindernisse und Entbehrungen die kommen eine Loesung finden. Es kommen immer Huerden auch hier im Paradies, weil sie einen den eigenen Weg pruefen lassen und die Kraft der Transformationen mit sich bringen. Wenn man also immer wieder faehig ist mit einem Fuersturm der Begeisterung, der Gewissheit, der Zentriertheit in sich ja sagen kann zu seinem Weg, dann ist alles gut. Doch wehe dem der sich vom aeusseren Schein einfach dazu hinreissen laesst, ohne seiner eigenen Seele bester Freund geworden zu sein, der laeuft Gefahr sich zu verlieren.

Solange man allerdings gluecklich in seiner Badehose unterwegs ist und weiss, dass man hier ist und dass die Zeit, der Augenblick den man hat, nur dieser eine Augenblick ist, dass der Moment, so wie er gerade ist, nie wieder kommt, dann geniesst man mit jedem Atemzug die Gunst der Stunde in Dankbarkeit und Freude. Blickt den Popos hinterher oder auf den Horizont. Wie gut dass man jetzt gerade hier nicht leben und arbeiten muss sondern einfach nur gluecklich sein darf.

Die Badehosen sind demokratisch, ob beim Fruehstueck, im Supermarkt, oder Nachts in der Bar. Natuerlich sind es haeufig Shorts. Egal ob und wie man sich bedeckt. Man legt Wert auf sein bestes Stueck. Und manche legen eben alles ab. Nacktwandern am Strand entlang ist momentan noch eher wenig zu beobachten, kommt aber die letzten Tage immer haeufiger vor. Ja - auch gute Koerper, nicht nur die, die man eigentlich lieber nicht sehen moechte...

Dieser Ort kann im richtigen Moment alles bringen. Die Kraft der Natur ist ueberall. Die immense Kraft im aussen erzeugt Kraft im Innern. Vorsicht also was man denkt, sagt und tut. Hier noch mehr als anderswo, denn man bekommt die Antwort nicht in Tagen, Wochen, Monaten, sondern in wenigen Augenblicken. Alles ist ein Spiegel. Hier ist die Kraft staerker als anderswo. Eine gefaehrliche Kraft, die richtig genutzt werden will. An keinem anderen Ort Mexikos liegt hell und dunkel so nah beieinander. Hier funktioniert der Zauber des Lebens. Ein Kurs in Aktion und Reaktion (fuer Anfaenger und Fortgeschrittene) Wenn Du also Freude willst, dann sei Freude. Wenn Du Respekt willst, dann respektiere. Wenn Du geliebt werden willst, dann liebe dich selbst und gebe deine Liebe anderen.

"Z" ist gerade in der Ruhe vor dem Sturm. Bald kommen alle. Jeden Tag ein paar mehr. Doch jetzt noch ist es mehr wohltuende Stille und Konzantration, als einem das beste Yoga-Seminar vermitteln koennte. Obwohl natuerlich auch dergleichen hier zur genuege angeboten wird. Die Kraft des Ortes gibt einem Kraft und das Rauschen des Meeres haelt den Gedankenstrom an. Ein unsinniger, ueberfluessiger, schwerer Gedanke an uebermorgen, naechstes Jahr? Noch so weit weg von der Gegenwart und ploetzlich ist er im Geiste, wie ein Computervirus. Schnell weg damit! In "Z" nichts leichter als das. Ohne sich bewegen zu muessen, ohne sich weiter anstrengen zu muessen, ein kurzer Blick auf den Horizont gerichtet einen Augenblick konzentriert auf das rauschen der Wellen des Pazifik und alles ist wie weggespuehlt. El mar arulla! Du bist weg. Ein schoenes Gefuehl. Vielleicht ist es genau das was "Z" eigentlich ausmacht, obwohl es mittlerweile zum Goya Mexikos avanciert ist. Nahezu bedrohlich wie jeden Tag ein paar mehr Reisende ankommen...

Doch noch ist alles fuer einen alleine da. Man ist im Dialog mit dem Meer. Man denkt, fuehlt, spricht und tut. Das Meer nimmt alles zur Kenntnis. Eine Frage? Die Antwort kommt bestimmt...
Die Tiefen des Pazifik geben nichts und nehmen nichts, was die Persoenlichkeit betrifft. Das Meer wird dich nie bewundern, noch dir Ruhm bescheren. Du bist ein Nichts in Badehose. Das Meer ist Wandlung, es gibt dir einfach alles was es ist gleichzeitig, Leben und Tod, Bewegung, geben und nehmen, Ebbe und Flut, Erkenntniss und Vergessen, vor und zurueck. Alles fliesst... Der "Strand der Toten" kann einem zu neuem Leben erwecken, weil alles heilt. Die wuerdevolle Weite des Blau sagt einem wie klein, offen und verwundbar man eigentlich ist. Oeffne dein Herz sei ganz weit. Wenn man das Meer um Erlaubnis Fragt kann man eintauchen in das Spiel der Wellen, der Kraft und der Gegenkraft. Mit Respekt und Vorsicht. Jedes Jahr sterben Menschen, weil sie hinausgezogen werden. Ueberall wird man gewarnt, sich nicht zu weit hinein zu wagen. Wie schoen ist es lebendig zu sein.

Jetzt faengt es gerade wieder an golden zu glaenzen. Alles ist in einen Dunstschleier von leuchtend schimmerndem Leben gehuellt. Das Meer ruft mit einem dumpfen, tiefen, vibrieren aus wenigen Metern Entfernung. Der Tisch vibriert. Der Bildschirm flimmert. Alles nur ein Traum? Die Pelikane holen sich ihr Abendbrot aus dem Meer. Die Sonne sinkt in die Kimme zwischen den beiden Felsen. Der Kopf des alten Mannes, der in dem Fels zu erkennen ist, blickt sehnsuechtig in den Weltenraum. Und ich blicke ihm hinterher.